Größenwahn

Die tragische Krankheit

Vielleicht halten auch Sie den Begriff Größenwahn nur für ein Schimpfwort, welches man einem Nachbarn oder bestenfalls Adolf Hitler anhängt. Nun, ihr Nachbar ist es wahrscheinlich nicht, aber Hitler war größenwahnsinnig. Dass ihn trotzdem niemand zur Behandlung in eine Anstalt schickte, lag und liegt an einer katastrophalen Fehlkonstruktion unseres sozialen Bewusstseins. Bewusst oder oft unbewusst schätzen wir derartige Menschen, weil wir sie bewundern und weil sie uns, allerdings oft nur vermeintlich, Vorteile bringen. Was mit Hitler und Konsorten zu beweisen war. 

 

Doch es wäre allzu oberflächlich, damit das Thema als Geschichte ad acta zu legen. Der Größenwahn grassiert gerade in unserer Zeit der globalen Wirtschafts- und Finanzmärkte weltweit als eine fast unerkannte Epidemie – mit verheerenden Folgen. Doch beginnen wir von vorn. Was ist Größenwahn eigentlich? Auf keinen Fall ist es ein Schimpfwort, denn die davon Betroffenen sind schwerwiegend psychisch erkrankt. Allerdings werden die Symptome von ihnen selbst selten erkannt, zumal sie keine körperlichen Schmerzen verursachen.

 

Im Gegenteil, sie befinden sich auf einem, fast möchte man sagen, psychedelischen Trip permanenter Selbstüberschätzung. Medizinisch gesehen gehört diese Krankheit zur Klasse der Paranoia. Die genauen psychischen Ursachen sind noch nicht erforscht, aber die Verhaltensweisen Erkrankter zeigen eindeutige Charakteristika auf. Typisch hierfür sind die eigene Selbstüberschätzung und die übertriebene Fehleinschätzung umgebungsbedingter Situationen. 

 

Das kann bis zur eigenen Göttlichkeit führen oder, wie im Fall Hitler, der u.a. in den letzten Kriegsmonaten mit Divisionen operierte, die nicht mehr bestanden, weil er sie als größter Feldherr aller Zeiten längst zu ihrer entsetzlichen Vernichtung geführt hatte. Ein weiteres Indiz für die Erkrankung ist die permanente Nichtannahme anderer Meinungen und das Abweisen jeglicher persönlicher Schuld und Verantwortung. Hitler starb in dem Bewusstsein seiner völligen Unschuld. 

 

Ebenso Kaiser Nero, der in dieser krankhaften Umnachtung zu Tode kam. Und damit sind wir in die Tiefe unserer Geschichte eingedrungen, was für eine Beurteilung dieser Krankheit und ihre weltweite, geschichtliche Bedeutung von Vorteil ist. Bevor wir die Grundlagen dieser Paranoia aufgezeigen, ist hier die Frage nach dem Umfang zu stellen, die allerdings aus Platzgründen nur in Beispielen genannt werden kann. Ein Buch von 1000 Seiten könnte die Geschichte des Größenwahns mit allen seinen Opfern nicht beschreiben. Diese Geschichte ist im wahrsten Sinne eine unendliche des Grauens, der Verzweiflung und des Untergangs.

 

Die Frage lautet also, wann erlebte diese Krankheit erstmals ihren Ausbruch. Niemand wird es jemals wissen! Irgendwann in der Steinzeit wird ein gewiefter Priesterhäuptling seine Stammesmitglieder mit Zaubertricks und erfundenen Geschichten von allmächtigen Göttern so beeindruckt haben, dass er sie dann selbst glaubte und schlussendlich sich selbst für ein höheres Wesen hielt, vielleicht sogar für einen Gott oder auch nur für den Einzigen, der mit Gott sprechen konnte. 

 

Eine tragische Entwicklung nahm ihren Lauf – bis heute.Warum aber konnte das geschehen? Neben der inneren Bereitschaft, sich für etwas außerordentlich Besonderes zu halten, was nicht unbedingt zum Größenwahn führen muss, ist ein weiterer sozialer Umstand notwendig: das menschliche Umfeld. Menschen neigen dazu, vermeintlich wichtigere zu verehren, zu belobigen und zu überschätzen. Der Grund dafür liegt u.a. im gesellschaftlichen Kontext – man möchte davon profitieren oder sich geschützt wissen. Die Bewältigung von Schutzbedürfnis und Angst ist dabei ein starkes Motiv. Diesem Ansturm von permanenten Belobigungen ist der Mensch häufig mental nicht gewachsen. Obwohl er rational denkt, prägt sich in seinem dafür anfälligen Charakter die Meinung besonderer Größe. Sein Gehirn lernt, dass er etwas Großartiges ist und wird unumkehrbar krank. In diesem Stadium wird der Größenwahnsinnige kaum noch eine Kritik annehmen. An negativen Situationen haben andere Schuld, nur er natürlich nicht. Er allein sieht das Wahre und das Richtige, alle anderen sind Spießer, Neider, Unfähige oder Dummköpfe. Ausgenommen natürlich jene, die ihm stets Recht geben. Fast möchte man sagen: So kam das Unheil in die Welt. 

 

Bekannte Geschichtsgrößen waren von dieser Paranoia besessen und wurden zum Albtraum ihrer Zeit, teilweise mit Wirkungen bis in unsere Tage. Um nur einige zu nennen: Amenophis IV, Echnaton, Pharao von Ägypten, erfand die Ein-Gott-Religion, auf die alle Ein-Gott-Religionen dieser Welt zurückgehen. Als Pharao zum Gott erklärt, erschuf er sich den einen Gott, mit dem nur er kommunizieren konnte. Alexander der Große, er wollte die Welt beherrschen. Ludwig XIV. von Frankreich, nannte sich Sonnenkönig. Ludwig II. von Bayern, schuf sich ein Märchenreich.

 

Mussolini, Hitler, Stalin, Mao und unzählige andere Täter des öffentlichen, aber auch privaten Lebens. Die furchtbarsten Taten, dieser oft durchaus hoch Intelligenten, geschahen durch ihre abgrundtiefe Menschenverachtung. Nur sie erkannten natürlich die Notwendigkeit ihrer übergeordneten Ideen. Hitler antwortete z.B. einem Offizier, der ihn auf die ungeheuren Verluste junger Soldaten hinwies, mit den Worten: „Dafür sind die doch da!“ Diese Gigantomanie genannte pathologische Erkrankung findet sich aber nicht nur bei politischen Personen, sondern häufig auch in Finanz- und Wirtschaftskreisen. Wolkenkratzer sind dafür nicht selten ein sichtbarer Ausdruck. Aber auch die Gier, ungeheure Vermögen aufzuhäufen, zu den Ersten zu gehören, den ersten Platz in der Vermögensreihe einzunehmen etc. lassen teilweise erahnen, welche  paranoiden Fälle dahinter stehen. Doch die Gigantomanie und die Megalomanie, jene Form der Krankheit, die u.a. übersteigertes Sendungsbewusstsein, religiösen oder politischen Wahn und persönliche Selbsterhöhung auszeichnet, sie sind durchaus im täglichen Leben präsent.

 

Gerade  in unserer Zeit der fast unbegrenzten Möglichkeiten überschätzen sehr viele Menschen ihre Realität und verfallen der unheilbaren Krankheit, die oft zur Persönlichkeitsdeformierung bis hin zum Selbstmord führt – worüber selten etwas bekannt wird. Gründe dafür sind manchmal genetischer Art, sehr viel häufiger jedoch die Selbsterhöhung, ausgelöst besonders durch Gier und Erfolgswahn und – nicht unwichtig – eine überhöhte Akzeptanz durch das gesellschaftliche Umfeld. Dagegen gibt es nur ein wirksames Mittel: Realistische Bescheidenheit, sich selbst hinterfragen und die Antworten im Vergleich zu den Leistungen Anderer im sozialen Kontext sehen. Gefährdet ist, wer sich stets als der Beste sieht, andere Meinungen nicht gelten lässt, weil natürlich nur die eigene zählt, obwohl sie nicht kritisch durchdacht ist. 

 

Auch Frauen sind davor nicht gefeit, besonders jene nicht, die sich für die Schönsten halten. So schädigt Größenwahn weltweit viele Bereiche des öffentlichen Lebens. Eine fast unsichtbare Seuche, deren Tragweite aber ungeheuer ist. Denken wir nur an Terrorismus, an Kriege, an Hunger und religiösen Wahn in der Welt. Sie gemeinsam sind nur ein Teil jener Krankheit, gegen die es wahrscheinlich nur ein wirksames Mittel gibt: Die allgemeine Erziehung zum sozialen, ethisch höher stehenden, freiheitlichen Menschen, der seine Verantwortung erkennt und danach handelt, für seine Mitmenschen, für seine Zeit und für seine Umwelt und dadurch auch für sich selbst. Geben wir dafür die Hoffnung nicht auf.

 

Ein Essay von Uwe Brauer

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